Überarbeiteter Text einer Publikation des IWF Göttingen zum Film

 

„Columba livia domestica (Columbidae) - Flug der Rollertauben“

 

von Prof. Dr. G. Rüppell des Zoologischeninstituts der TU Braunschweig

 

 

 

Die Rollertauben sind das Ergebnis einer mehrere hundert Jahre alten Züchtung. Die Ausgangsverhaltensweisenrur das Rollen waren Balzflüge. Tauben halten dabei die Flügel still, sie gleiten oder fliegen auffällige Bögen, ebenfalls mit Gleitphasen. Aus der Gleitphase der Felsentauben soll das Überschlagender Roller dann entstanden sein (NICOLAI [17]). Die ersten bekanntgewordenen Roller oder „Tümmler'' (Mongolei, zweite Hälfte des 16. Jhs. und Indien, Kleinasien 17. Jhs.) waren schon in verschiedenen Rassen separiert. Heute unterscheidet man ca. 30 verschiedene Rassen von Rollertauben. Einige der bekanntesten sind die Birmingham-Roller oder die Orientalischen Roller. Die im folgenden beschriebenen Rollertauben sind Birmingham-Roller, benannt nach Bhmingham, Mittelengland, wo sie um die Jahrhundertwende gezüchtet wurden. Kennzeichnend für die Rasse ist eine rasante Folge sich ohne Unterbrechung aneinanderschließender Rückwärtsüberschlage, die sogar zum Absturz führen können. Die Rollen werden im Flugverband in größerer Höhe durchgeführt. Die hier beschriebenen Tauben stammen aus dem Schlag von Heinz W. KORNFELD, Mühlheim, der sie hier im Jahre 1982 aus einen transportablen Flugkasten auf einem Kornfeld nördlich von Braunschweig fliegen ließ. Beim Wettflug dieser Kunstflugtauben fliegen sog. „Stiche" von jeweils 3 Tauben bis zu 60 Minuten in einer Höhe von ca. 400-700 Metern. Bewertet werden nur die extremen, schnellen Rückwärtsüberschläge. Um einen möglichst guten Kunstflugtaubenstich zu erhalten, werden schon die Jungtiere an den transportablen Flugkasten gewöhnt. Sie müssen ihn immer als Rückkehrpunkt betrachten, gleichgültig ob er in einer vertrauten oder fremden Umgebung steht. Er ist mit Leuchtfarbe lackiert, so daß die Tauben ihn auch aus großer Höhe ausmachen können. Zurück in den Kasten können die Tauben nur durch eine kleine Einsprungöffnung auf der Oberseite des Kastens, aus dem sie nicht mehr ausfliegen können. Die Ausfluglöcher sind an der Vorderseite des Kastens angebracht, die durch Schieber geöffnet werden und somit das Signal für den Start geben. Der Flug sollte möglichst täglich zur selben Zeit stattfinden, allerdings nicht bei Nebel, Regen, starkem Wind oder großer Hitze. Vor dem Flug sollten die Tauben nur kurz gefuttert werden, damit sie Futter und vor allen Dingen frisches Wasser als Belohnung für die erfolgreiche Rückkehr empfinden (nach KORNFELD [11]).

 

NICOLAI [17] zog Rollertauben auf und hat die Ontogenese, also die Individualentwicklung dieser Verhaltensweise verfolgt. Danach fliegen die Jungtauben erst nach 28-30 Tagen aus. Nach weiteren 10-14 Tagen, wenn die Handschwingen ihre endgültige Länge erreicht haben und verhornt sind, fliegen die Jungtauben im freien Luftraum und können sich dem Schwarm anschließen. Bereits jetzt zeigen sie ihre ersten Imponierflüge, die denen junger Felsentauben ähneln. Nach einigen weiteren Tagen sind erste Ansätze zum Überschlagen erkennbar. Der Vogel richtet sich beim Fliegen auf und der Schwanz wird zum Rücken hin empor gehalten. Nach 3-4 Monaten ist dann die volle Rollfähigkeit erreicht.

 

 

Beschreibung der Flugmanöver

 

Beim Steigflug ist der Schwanz als Hochauftriebshilfe voll gespreizt. Er wird beim Fliegen einer Kurve gegen die Kurve geneigt, daß seine Oberseite zur Kurveriinnenseite zeigt. Man kann annehmen, daß beim Langsamflug das Zusammenspiel von Schlagrichtung und Einstellwinkel des Flügels für die Flugrichtung entscheidend ist. Bei kleinen Einstellwinkeln bleibt die Flügelumströmung anliegend, was wenig Widerstand bedeuten würde, weil kaum Wirbel entstehen. Dann wirkt die resultierende Luftkraft annähernd rechtwinklig zur mittleren Anströmrichtung aus der Schlagrichtung. Geht diese nach steil abwärts, dann resultiert also eine vorwärts ziehende Kraft. Verläuft die Schlagrichtung horizontal, entsteht eine aufwärts bzw. eine leicht nach hinten geneigte Luftkraftrichtung. Werden zusätzlich noch die Flügel steiler gestellt, kann diese Wiederstandskraft an Größe zunehmen. Dadurch wird die Luftkraftresultierende weiter nach hinten verlagert. So ergibt sich beispielsweise bei steil eingestellten Flügeln und horizontaler Schlagrichtung eine sehr große Widerstandskraft, die den Vogel dann bremst.

 

 

 

 

Abb. 1. Geradeausflug. Die charakteristischenPhasen sind angegeben und die dazwischenliegen­

 

den Bildzahlen bei 250 B/s Airfnahmefrequenz. Deutlich wird die steil nach unten gerichtete

 

Schlagbahn, das Ausstrecken des Flügels beim Abschlag (Beginn 2. Phase) und das Kaltstellen des

 

halb gefalteten Flügels beim Aufschlag (6. Phase). Reihenfolge zunächst oben von links nach rechts

 

und dann unten. Die Schlagfrequenz beträgt 6 bis 8 Schläge pro Sekunde

 

 

 

 

Auch beim Rollvorgang sind Veränderungen der Flügelbewegung die entscheidende Maßnahme. Bei Beginn der Rolle ist die Schlagrichtungnach vorn oben gerichtet, so daß die resultierende Luftkraft, nach hinten oben wirkend, die Drehbewegung einleitet. Diese Drehbewegung könnte durch ein Gegenmoment des Schwanzes verhindert werden. Der Schwanz spielt bei vielen Manövern eine stabilisierende Rolle, beispielsweise hat er beim Flug auf der Stelle des Gartenrotschwanzes (RÜPPELL [22]) die Aufgabe, eine Drehbewegung des Vogels um die Querachse zu verhindern. Auch bei der Rollertaube würde ein bauchwärts geschlagener, gespreizter Schwanz die Rollbewegung verhindern. Die Rollertaube stellt den Schwanz deshalb bei der Rolle rückenwärts. Er wird so aerodynamisch 'kaltgestellt', d.h. er beeinträchtigt nicht die Rollbewegung. Es wird eher durch das schnelle Rückwärtsschlagen des Schwanzes ein Drehmoment in der Rollrichtung erzeugt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 2. AufeinanderfolgendeLandephasen

 

(von oben links nach rechts und dann ent­

 

sprechend die darunter folgendenReihen).

 

Auffällig sind die steil eingestellten Flügel

 

mit abgespreiztenDaumenfittichen. (1. u.

 

7. Phase). Außerdem ist der Schwanz als

 

Brems- und Hochauftriebshilfe bei der

 

Landung gespreizt. Asymmetrische Flü¬

 

gelschlage (zweitletzte Reihe) helfen die

 

Landung zu stabilisieren. Die Rückschlage

 

erfolgen mit angewinkelten und im Hand¬

 

teil aufgefingerten Flügel. Bei den meisten

 

Abschlagphasen ist die Verwindung des

 

Flügels gut zu erkennen. Die Zahlen zwi¬

 

schen den Phasen geben die Bildzahlen an,

 

bei einer Aufnahmefrequenzvonca. 500B/s

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 3. Rollvorgang aus seitlicher Sicht aus einer Serie von mehreren Überschlägen hinterein­

 

ander. Die relativ steil eingestellten Flügel werden zunächst schräg nach vom oben geschlagen

 

(2. Phase) und dann in Rückenlage zusammengeschlagen (3. u. 4. Phase). Auch bei der 2. Rolle

 

(/. Phase) erfolgt der Abschlag der Flügel annähernd in Rückenlage. Der Schwanz ist gleich nach

 

Einleiten des Rollvorganges rückenwärts eingeknickt (3. Phase) und bleibt in dieser Haltung bis

 

zum Schluß. Die Zahlen geben die Bildabstände zwischen den Phasen an bei einer Aufnahmefre­

 

quenz von 250 B/s. Einander entsprechende Phasen            ddsind durch Schrägstriche verbunden.

 

 

 

Kurz bevor das Tier die Rückenlage erreicht, werden die Flügel am Ende des Abschlags ganz zusammengeschlagen, was die Roll- bewegung verstärkt. Auch bei der 2. Drehung schlagt das Tier die Flügel wieder, kurz nachdem es die Rückenlage erreichthat, bauchwärts. Auch bei den folgenden Rollen erfolgt der Abschlag während der Rückenlage. Um die Rollen zu beenden, wird der Schwanz bauchwärts eingeknickt und so in Normallage gestellt. Die Flügel werden vor dem Körper ausgebreitet und bremsen dadurch die Rotation. Dies geschieht kurz bevor die normale Horizontallage erreicht wird. Aus dieser Stellung werden die Flügel dann steil nach unten geschlagen, so daß ein Geradeausflug resultiert.

 

Die Tauben können das Rollmanöver ausbalancieren und so ein Ausbrechen aus der Rolle nach links oder rechts verhindern. Vor dem sind es asymmetrischeSchlage der beiden Flügel, die beide unterschiedlichweit durchgeschlagen d.h. mit verschieden großen Schlag- winkel oder unterschiedlich schnell geschlagen werden können. In einem Falle wurde nur ein Flügel geschlagen und zwar auf der Seite, auf der die Taube seitlich aus der Rolle herauszudriften drohte. Wenn die Rolle lauft, können die Flügel auch völlig in den Wind gedreht werden, so daß sie ohneEffekt einfach mitdrehen. Eine weitere Maßnahme zur Korrektur der Rolle ist ein unterschiedlichweites Ausstreckender beiden Flügel beim Stillhalten oder auch beim Schlag.

 

 

 

Abb. 4. Rollvorgang von hinten mit leichter Richtungskorrektur um die Hochachse. Die Zahlen zwischen den Phasen geben die Bildzahlen dazwischen an bei einer Aufnahmefrequenz von ca. 500 B/s. Die Richtungsänderungum die Hochachse d.h. also Gerademachender Rolle erfolgt durch

 

unsymmetrischeFlügelschlage, die besonders in der zweiten und dritten Reihe sichtbar werden. In

 

diesem Beispiel fällt der rückwärts gehaltene Kopf der Tiere besondersauf. (3. u. 4. Reihe). Außer­dem ist die rückenwärts eingeknickte Schwanzhaltung sehr auffällig (3, 4. u. 5. Reihe)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 5. Beginn und Ausführung einer Rolle aus Sicht von vorn. Besonders deutlich wird das steile Einstellen der Flügel und die Haltung des gespreizten Schwanzes bei Beginn (1. u. 2. Phase), sowie das Einknicken des Schwanzes während der Drehung (4., 5. u. 6. Phase).Die letzte Phase leitet den normalen Geradeausflug wieder ein und steht völlig im Gegensatz zur ersten

 

 

 

 

 

 

 

Trotz dieser Stabilisierungsmaßnahmen kann es zu Rollbewegungen mit Schrauben kommen. Allerdings führen die Tauben, bis auf Jungtiere, solche unvollkommenen Rollen nie mehrfach hintereinander aus.

 

 

 

 

 

5. Richtaugsänderung um die Hochachse und halbe Rolle.

 

6. u. 7. Jeweils eine Rolle rückwärts mit abgebrochener Endphase.

 

8. Drei Rollen rückwärts mit Unterbrechung, anschließendem Gleiten und Geradeausflug (seitlich).

 

9. Fünf Rollen rückwärts (seitlich).

 

10. Zwei Rollen rückwärts - Großaufnahme (seitlich).

 

11. Zweieinhalb Rollen rückwärts (von vorne).

 

12. Zwei Rollen rückwärts (von hinten).

 

13. Sechs Rollen rückwärts (seitlich).

 

14. Drei Rollen rückwärts (von hinten).

 

15. Eine gleitende Taube und eine dahinter rückwärts vorbeirollende.

 

16. Landen und Einstieg in den Schlag.

 

 

 

Quelle:

 

Puplikationen zum wissenschaftlichen Filmen Serie 18 Nummer 39 1986
Institut für den Wissenschaftlichen Film, Göttingen 1986

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

Literaturnachweis:

 

[ 1] BlESEL, W. : Untersuchungen der Flügelgeornetriefrei gleitfliegender Tauben mit Hilfe der Windkanaltechnik. Diplomarbeit. Universität des Saarlandes (1973).

 

[2] BlESEL, W., H. BUTZ und W. NACHTIGALL : Erste Messungen der Flügelgeometrie bei frei gleitfliegenden Haustauben (Col. Liv. Var. Dom.) unter Benutzung neu ausgearbeiteter

 

Verfahren der Windkanaltechnik und der Stereophotograrnrnetrie. BIONA-report 3 (1985), 109-122.

 

[ 3] BlLO, D. : Flugbiophysik von Kleinvögeln. I. Kinematik und Aerodynamik des Flügelab­schlages beim Haussperling (Passer domesticus L.). Z. vgl. Physiol. 71 (1972), 382^-54.

 

[ 4] BlLO,D.: FlugbiophysikvonKleinvogeln.il. Kinematik und Aerodynamik des Flügelauf­ schlages beim Haussperling (Passer domesticusL.) Z. vgl. Physiol. 76 (1972), 426—437.

 

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[ 6] BlLO, D., A. BlLO, B. THEIS undF. WEDEKIND: Activation of flight control muscles by neck reflexes in the domestic pigeon (Columbalivia var. domestica). Orientation and locali­

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[ 7] BlLO,D, A. LAUCKundW. NACHTIGALL: Measurementof linear body accelarationsand calculation of the instantaneousaerodynamic lift and thrust in a pigeon flying in a wind tun­ nel. BIONA-report 3 (1985), 87-108.

 

[ 8] BROWN,R.H.J.: Theflightofbirds.Theflappingcircleofthepigeon.J.Exp.Biol.25(1948), 322-333.

 

[ 9] DATHE, H.H., und H. OEHME: Typen des Rüttelfluges der Vögel. Biol. Zentralbl. 97 (1978), 299-306.

 

[10] GRAHAM, R.R.: Safety devices in wings of birds. British Birds 24 (1930), 2-21, 58-65.

 

[11] KORNFELD, H.W. : Kunstflugtauben- Salto Mortale. Festschrift anläßlich des 10jährigen Bestehens des Deutschen Flugroller-Clubs e.V. - DFC - Mühlheim a.d. Ruhr (1974).

 

[12] NACHTIGALL, W.: Bemerkungen über zwei-dimensionaleHochfrequenzaufnahmenfliegender Vögel und über Zeitlupen-Reihenbildervon A. PlSKORSCH. J. f. Omith. 113, 4 (1972), 427^134.

 

[13] NACHTIGALL, W.: Biophysik des Tierfluges. Rheinisch-Westf. Akad. Wiss. Vorträge N 236 (1973).

 

[14] NACHTIGALL, W. : Der Taubenflügel in Gleitflugstellung: Geometrische Kenngrößen der Flügelprofile und Luftkrafterzeugung. J. Ornith. 120 (1979), 30-40.

 

[15] NACHTIGALL, W.: Vogelflugforschung in Deutschland. J. Orn. 125 (1984), 157-187.

 

[16] NACHTIGALL, W.: Warum die Vögel fliegen. Hamburg 1985.

 

[17] NICOLAI, J. : Evolutive Neuerungen in der Balz von Haustaubenrassen (Columba livia var. domestica) als Ergebnis menschlicher Zuchtwahl. Z. Tierpsychol. 40 (1976), 225—243.

 

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[19] OEHME, H.: Schmalfilmkinematografie und Kleinbildfotografiebei der Untersuchung des

 

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[22] RÜPPELL, G.: Flugmanöver des Gartenrotschwanzes (Phoenicurus phoenicurus L.). Z. f. vgl. Physiol. 71 (1971), 190-200.

 

[23] RÜPPELL, G.: Vogelflug. Reinbek 1980.